Die Dreigliederung des sozialen Organismus als zeitgeschichtliche Herausforderung und Aufgabe der anthroposophischen Bewegung am Beginn des 21. Jahrhunderts Zu einem aktuellen Buch der Initiative EuroVision

I. Ein starkes Buch!1 Auf gerade mal 200 Seiten ist alles zu finden, was nötig ist, um nicht nur zu verstehen, wo und wie im heutigen Zeitgeschehen die für die geschichtliche Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten entscheidenden Weichen gestellt werden, sondern auch, um zu erkennen, wo und wie wir als unserer Weltverantwortung bewußte Anthroposophen in diesem Geschehen dergestalt wirken könnten, dass die Weichen so gestellt werden, wie es der michaelische Zeitgeist verlangt.

II. Worum geht es? Es geht um Europa, genauer um die gegenwärtige »Übergangsperiode« der Europäischen Union. Als Kern dieser Periode wird festgestellt, dass die EU jetzt vor der Aufgabe steht, ihre bisherigen, von Verträgen gestützten Elemente zu einem sozialen Ganzen, einem sozialen Organismus neuen Typs zu integrieren. Die rechtliche Form dieser Metamorphose sei eine Konstitution im Sinne eines Verfassungs-Vertrages, der als politisches Projekt mehr und mehr ins Zentrum der Entscheidungsperspektiven der nächsten vier bis fünf Jahre rücken werde. An dieser Form entscheide sich die Gestalt, welche dieser Organismus annehme, und von dieser Gestalt wiederum hänge ab, was die Menschen im sozialen Leben den Möglichkeiten und Grenzen nach vollbringen können.

III. Ausgehend von dieser Erkenntnis zeigen die einzelnen in dem Band vereinigten Texte von Wilfried Heidt zum einen und zum andern jene der Initiativ-Gesellschaft EuroVision, inwiefern diese konkrete historische Situation eine Herausforderung für die anthroposophische Bewegung ist, die Idee der sozialen Dreigliederung in Begriffen des Verfassungsrechts in die Debatte einzubringen und sich dabei – wie es auch schon Rudolf Steiner in einem Vortrag vom 1. 8. 1920 vor Augen stand – mit all jenen sozialen Bewegungen zu einer europaweiten Verfassungsbewegung zu verbinden, deren Vorstellungen und Ideale in dieser Hinsicht mit den anthroposophischen korrelieren.

IV. Außer zahlreichen Bezügen zum einschlägigen Werk Rudolf Steiners, liest man in der einleitenden Studie, die von Wilfried Heidt als »‘Offener Brief‘ an die anthroposophische Bewegung weltweit« angelegt ist, mit Spannung, wie es - lange bevor diese Aufgabe in unserer Gegenwart auf die geschichtliche Agenda drängte - der 1901 geborene und 1989 verstorbene deutsche Anthroposoph Fritz Götte (lange Jahre leitend tätig in anthroposophischen Zeitschriften und Verlagen) war, der sich seit den fünfzger Jahren immer wieder (leider vergeblich) mühte, den Anthroposophen bewußt zu machen, inwiefern sie verpflichtet seien, sich auf diese europäische Aufgabe vorzubereiten. Der Autor nennt Götte »den Wegbereiter« und verneigt sich vor dessen Weitsicht.

V. Das Buch will nicht theoretisches Interesse befriedigen, obwohl es – das bemerkt der Kenner auf jeder Seite – an sozialwissenschaftlicher Fundierung wahrhaft nicht mangelt, sondern die ganze Bandbreite der Dreigliederungsforschung (auch diejenige nach Steiner) involviert; es will vor allem die zentralen zeitgeschichtlichen Prozesse identifizieren, die für entsprechende anthroposophische Inspirationen bis in rechtlich-politische Richtungsentscheidungen hinein offen sind. Und es konkretisiert das geschichts-ikonographisch Identifizierte mit einigen Berichten über die ersten Initiativ-Projekte der IG-EuroVision – u. a. die Projekte zur Ermöglichung der direkten Demokratie durch »dreistufige Volksgesetzgebung« in verschieden Mitgliedsländern der EU und zu einer »Charta der Grundrechte« als Einstiegstufe einer »ersten europäischen Verfassung« (J. Chirac) – Projekte, an denen jeder seine Zeitgenossenschaft aktive verstehende Mensch mitwirken kann. Ein Beitrag von Ulrich Rösch schließlich zieht die Linie von den konstitutionellen Grundzügen der europäische Dimension zu den Problem der Globalisierung.

VI. Eine hervorragende Idee war es, dem großen exoterischen Aufgaben gewidmeten Buch in einem Anhang eine leicht gekürzte Fassung eines mit vielen Hinweisen auf Texte Rudolf Steiners gestalteten Text des führenden anthroposophischen Historikers Karl Heyer über »Esoterische Grundlagen und Aspekte der sozialen Dreigliederung« (von 1949)2 sowie einen esoterische und exoterische Gesichtspunkte zeitgeschichtlicher Forschung verbindenden, 1997 in »Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht« erschienen Aufsatz von Wilfried Heidt hinzuzufügen. Letzterer ist ein Beispiel, das zeigt, daß dasjenige, was Rudolf Steiner einmal mit den Begriffen einer »neuen Astrologie« und der »Zeitensterne« bezeichnete (GA 180, S. 21 ff.) eine Forschungsweise ermöglicht, die bis zu einem gewissen Grad die Fähigkeit der »konkreten Vision« ausbildet, d. h. des Zukunftsblickes, der Kommendes erkennt, bevor es immer wieder von retadierenden Mächten ergriffen und bis zur Unkenntlichkeit deformiert ist. Diese Fähigkeit tut not – mehr als vieles andere. Das vorliegende Buch ist auch ein Stück Schulungsweg für die Bildung dieser Kompetenz. Sie brauchen wir, wenn wir im sozialen Leben Durchgreifendes bewirken wollen. Insofern sind dem Buch der Initiative EuroVision3 viele interessierte Leser, die Mitarbeiter/innen werden wollen, zu wünschen.

Olaf Becker, Freiburg i. Brsg.

1. Initiative EuroVision, Die 3Gliederung des sozialen Organismus als Aufgabe Europas im 21. Jahrhundert, 200 Seiten, Achberg 2000 (ISBN 3-88103-019-0), DM/SFR 25.--

2. Karl Heyer lebte viele Jahre in Kressbronn am Bodensee. Ohne bewußte Planung fügte es sich, dass – wie man erst im Nachhinein feststellte – die Gründungsversammlung der IG-EuroVision auf der Bodenseefähre Euregia am 24. Juli 1999 zusammenfiel mit Karl Heyers 35. Todestag.

3. IG-EuroVision D-88147 Achberg Fon +49(0)8380-335